akademie jugendliteratur

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„Macht ihr eure Wende, ich bin verliebt“

Gedanken zur Jahrestagung der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur e. V.

Die Aussage im Titel dieses Berichts stammt von dem fünfzehnjährigen Paul, der mit seiner Familie 1989 beim Fall der Mauer in Ostdeutschland lebt. Die sog. Wende trifft die Familie in unterschiedlicher Weise. Paul erlebt im Jugendroman von Markus Burkhard das Wendejahr vom Sommer 1989 bis zum Herbst 1990 gleichzeitig mit seinem Interesse am anderen Geschlecht und die politischen Ereignisse werden von diesen individuellen Erlebnissen überlagert.

Aline Sax, eine niederländische Historikerin und Jugendbuchautorin, hat in Deutschland studiert und war fünf Jahre alt, als die Mauer fiel. In ihrem Jugendroman „Grenzgänger“ setzt sie sich intensiv mit drei Generationen einer Familie auseinander, die in Ostberlin leben. Julian arbeitet als Maurer bei einer westdeutschen Firma und verliebt sich 1961 in Heike, die aus einem kleinen Dorf in Bayern in die Großstadt Berlin gezogen ist. Der Mauerbau am 13.08.1961 trennt beide; ab diesem Zeitpunkt lässt Julian nichts unversucht, in den Westen zu fliehen. Seine Geschichte endet mit der Flucht durch einen U-Bahn-Tunnel, bei der er auf die Hilfe des U-Bahn-Fahrers angewiesen ist; sein Bruder, der ihn begleitet hat, wird erschossen. Die Flucht hat Folgen für seine Familie, seine Schwester Gudrun beginnt für die Stasi zu arbeiten, was ihrer Tochter Marthe 1977, dem nächsten Erzählabschnitt im Roman, zum Verhängnis wird. Im Oktober 1989 schildert ihre Nichte Sibylle das Ende der DDR; Gudrun erlebt es nicht mehr, weil sie sich umgebracht hat.

Dr. Monika Rox-Helmer von der Universität Gießen behandelte beide Romane in ihrem Workshop und besprach mit den Mitgliedern ihrer Arbeitsgruppe deren Verwendung in fächerübergreifenden Projekt im Deutsch- und Geschichtsunterricht. Geschichte anhand historischer Romane zu besprechen ist für Schülerinnen und Schüler viel anschaulicher als die Behandlung von reinen Fakten. Leider steht einem solchen Projekt die fehlende Zeit im Wege. Es ist wohl nur möglich, wenn man in einer Klasse Deutsch und Geschichte unterrichtet.

Dreißig Jahre nach der Wende widmete sich die deutsche Akademie für Kinder und Jugendliteratur in ihrer Jahrestagung am 23. und 24.05.2019 in Vorträgen und Workshops der ost- und westdeutschen Literatur in diesem Zeitraum. Kinder- und Jugendbuchautorinnen und -autoren, Vertreterinnen und Vertreter diverser Verlage, Mitglieder der Akademie, Studenten und Lehrkräfte sowie interessierte Gäste aus allen Teilen Deutschlands trafen sich im Schelfenhaus in Volkach bei Würzburg zum Gedankenaustausch. Besonders empfehlenswert ist eine Ausstellung zum Thema der Wende in der Kinder- und Jugendbuchliteratur in der Barockscheune in Volkach.

Seit 1976 existiert die Akademie und pflegt mit Kontakten zu diversen Universitäten und weiteren Bildungseinrichtungen sowie jährlichen Preisverleihungen die literarische Kultur. Ihre Veranstaltungen sind außerordentlich hochkarätig und sehr empfehlenswert (www.akademie-kjl.de).

Sie unterhält eine Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. Eines der Grußworte zur Jahrestagung sprach der bayerische Wissenschaftsminister Bernd Sibler.

Am Anfang der Tagung stand die Überlegung, welcher Begriff für die historischen Ereignisse des 09. November 1989 passt; Wende ist schließlich ein Begriff aus der Seglersprache. Besonders beeindruckend war das Beispiel von Rothirschen, welche noch 25 Jahre nach dem Abbau der tschechischen Grenzsicherung vor dem Betreten der ehemaligen Grenze zurückscheuen – trotz fehlender eigener Erfahrung. Dieses Beispiel wurde in den einleitenden Worten von RDin Monika Franz von der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit in Bayern dafür verwendet, auf die „Mauer in den Köpfen“ hinzuweisen, die auch im Jahr 2019 noch eine Rolle spielt.

Eigene Erlebnisse kamen besonders bei der Abendveranstaltung zur Sprache, als der Autor Johannes Herwig und die Autorinnen Hannah Schott, Judith Burger und Dr. Susan Kreller ihre Erinnerungen an den Fall der Mauer schilderten. Sie waren damals zwischen zehn, siebzehn und dreißig Jahre alt und erlebten die „friedliche Revolution“ mit sehr gemischten Gefühlen. Johannes Herwig hat die neunziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts in Leipzig als rechtsfreien Raum in Erinnerung. „Wenn man anders aussah, bekam man es mit Neonazis zu tun.“

Erfahrungen anderer Art, nämlich mit einem Leseteam der Stadtbibliothek Leipzig sowie der Buchhandlung „Bücherfresser“ in München, stellten Robert Elstner und Katrin Rüger in ihrem Workshop „Wofür Jugendliche sich begeistern“  am 24.05. zur Diskussion. Die Mitglieder ihrer Teams sind zwischen elf und neunzehn Jahre alt, in München setzen sie sich zu zwei Dritteln aus Jungs, zu einem Drittel aus Mädchen zusammen und kommen vom Gymnasium und von Realschulen. Sie wählen sich Bücher aus zur Zeitgeschichte, vor allem zum Dritten Reich, zu Grenzerfahrungen, zu aktuellen Ereignissen und über gesellschaftliche Systeme, z. B. in Form einer Dystopie. Die Münchner Buchhändlerin stellte uns dankenswerterweise zwei DIN-A-4-Seiten mit Beispielen von empfohlener Lektüre aus ihrem Leseteam zur Verfügung. Die anwesenden Deutsch-Lehrkräfte nahmen viele Anregungen für ihren Unterricht mit.

Das gilt für die gesamte Jahrestagung der Akademie für Kinder- und Jugendbuchliteratur. Sie vermittelt Kontakte zu diversen Autorinnen und Autoren und organisiert bundesweit Lesungen und eröffnet damit zahlreiche weitere Möglichkeiten für einen anschaulichen, abwechslungsreichen Unterricht.

(zusammengestellt in Auswahl von Angelika Schäfer)

Angelika Schäfer

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